Presse

Falter 44/2014 29.10.2014

Theaterkritik von Hermann Götz

Endlich hat Graz seinen Nikolaus Habjan entdeckt. Doch erst musste der 1987 in der Murstadt geborene Puppenspieler und Opernregisseur das Burgtheater und den Nestroypreis erobern. Dabei war Habjans Kunst nie ein Nischenprodukt. Nichts daran ist sperrig oder übertrieben originell. Habjan ist einfach nur … gut. Richtig gut. Nun also inszeniert er auf der Grazer Probebühne „Das Missverständnis“ (Sa, So, 20.00) von Albert Camus. Unterstützt wird er dabei durch den kongenialen Bühnenbildner Jakob Brossmann. Seyneb Saleh und Florian Köhler agieren gemeinsam mit dem Meister und seinen Puppen auf der Bühne. Dabei steht vor allem eines im Vordergrund: im Hintergrund bleiben! Die Stars dieses Abends sind die Puppengesichter, die Habjan direkt aus dem Text geschnitzt zu haben scheint, außerdem Brossmanns raumgreifender Bühnenbau mit Puppenhaus, die drei perfekt eingesetzten Stimmen und der ruhige Fluss ihrer Erzählung. Prisenweise würzt Habjan seinen Abend mit Ingredienzien von Kleinkunst und großer Oper: Leise Melancholie weht heran, bitterzarte Zwischentöne, dazu Anflüge von Ironie und Gruselkino. Da dringt die emotionale Radikalität der Textvorlage durch wie im Vorbeigehen. Albert Camus’ gnadenlose Hymnen auf die Absurdität der Existenz sind etwa so modern wie Hits von gestern. Eher gar nicht. Sie umzusetzen erscheint kaum naheliegender als eine neue Coverversion von „Knockin’ on Heaven’s Door“. Doch Habjan tut es einfach. So unbefangen und schön, dass nur zu sagen bleibt: Hingehen! In einem intimen Rahmen wie diesem ist der Mann bestimmt nicht mehr oft zu erleben.
 

Falter 29.10.2014

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Kronenzeitung 19.10.2014

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double – Das Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater

(Was erzählt werden soll. Was erzählt wird
Eindrücke vom 11. Figura Theaterfestival in Baden)
 
 THEATER ALS DOKUMENTATION?
von Christian Bollow
 
Was Nikolaus Habjan und sein Regisseur Simon Meusburger in ihrer fast zweistündigen Inszenierung »F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig« dem Publikum präsentieren, ist ein selten gelungener, hoch interessanter Balanceakt zwischen Theater und Dokumentation.
Grundlage der textorientierten Soloinszenierung ist die aus erster Hand erfahrene Lebensgeschichte des mittlerweile 85-jährigen Friedrich Zawrel, Opfer sowohl national-sozialistischer Medizinexperimente wie auch der österreichischen Nachkriegsjustiz.
Damit entwickelt das Wiener Schubert Theater bereits 2012, ein Jahr vor „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater, ein theatrales Format, in dem ein Überlebender des Dritten Reiches scheinbar ungefiltert durch artifizielle Verschlüsselungsverfahren‚ zur Sprache kommt‘. Anders als Hartmann und Rabinovici setzen sie aber nicht (oder fast nicht) auf seine unmittelbare Anwesenheit. Opfer wie Täter erscheinen als stilisierte Klappmaulfiguren. Die dramaturgische Form ist bewusst gradlinig, sie folgt im Wesentlichen der Logik der erzählten Chronologie. Die Inszenierung vermittelt einen ungemein lebendigen Eindruck eines außergewöhnlichen Menschen unserer Gegenwart, dem es gelungen ist, die traumatischen Opfererfahrungen in einen Triumph der Menschlichkeit zu verwandeln. Der dokumentarische Impetus gipfelt in einer Videoeinspielung Zawrels selbst.
An ihrer moralischen Gewichtung lassen Habjan und Meusburger keinen Zweifel. Die Vertreter der Täterseite werden, was ja möglich wäre, biographisch nicht relativiert, geschweige denn entschuldet. Das ist gewollt und legitim. Und die Vermutung liegt nahe, dass sich die minutenlangen Standing Ovations zum guten Teil an Zawrel selbst richten. Die Inszenierung funktioniert hier wie ein Kommunikationskanal zwischen der historischen und menschlichen Wirklichkeit Zawrels und der Realität eines mehrheitlich ›nachgeborenen‹ Publikums, das sich – applaudierend – in einem ‚Kollektiv des Widerstands‘ vereinigt fühlt. Dieser Effekt wäre nicht möglich ohne das hervorragende Spiel Habjans. Vor allem stimmlich setzt der unverkennbar von Neville Tranter inspirierte und geprägte Puppenspieler und Musiktheaterregisseur mit seiner Fähigkeit, virtuos und federleicht den Wesenskern der jeweiligen Akteure zu treffen, Maßstäbe.
„F. Zawrel“ wurde im Entstehungsjahr mit dem Nestroy-Theaterpreis für die beste Off-Produktion ausgezeichnet. Dass die Inszenierung auch den Badener „Grünschnabel“ gewann, ist verdient.
 
 

Kronenzeitung OOE  15.03.2014

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Kleine Zeitung, 12.10.2013

DQ_KleineDie Presse, 02.04.2013

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Kronenzeitung, 31.03.2013

Kritik_Krone

 

Tiroler Tageszeitung, 31.03.2013

Kritik-Tiroler Tageszeitung

Tiroler Tageszeitung, 27.03.2013

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Kronenzeitung Steiermark, 26.Februar 2013

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In der Schattenwelt

NZZ Online – ‎18.01.2013‎
«Schatten (Eurydike sagt)» von Elfriede Jelinek entstand auf Anregung der Philharmonie Essen und wurde dort auch im letzten Sommer, gekürzt und umrahmt von der Musik Monteverdis und Arvo Pärts, uraufgeführt. Die erste Präsentation der Dabei unterstützt sie die Jelinek selbst, in Gestalt einer wunderbar wiedererkennbaren Klappmaulpuppe, hinter welcher der Spieler – der junge, talentierte Nikolaus Habjan, ebenfalls im schwarzen Tüllkleid – auf beinahe magische Art verschwindet. Nicht alle Unlogik wird

Eurydike gefällt es in der Unterwelt

DiePresse.com – ‎18.01.2013‎
Die Autorin Elfriede Jelinek gilt als scheu. Bei der österreichischen Erstaufführung von „Schatten (Eurydike sagt)“ im Akademietheater räumt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ihr in seiner Inszenierung einen prominenten Platz ein: Jelinek wird zur grell geschminkten, dick bebrillten, faltigen Puppe mit der bekannten Frisur Der dichte Text wurde am Donnerstag in einem reichhaltigen, 90-minütigen, atemlosen Spektakel aufgelöst, das Publikum klatschte herzhaft, besonders auch, als sich Habjan verneigte.

Burgtheater Wien – Eine Showtreppe für sieben Eurydikes

Berliner Zeitung – ‎18.01.2013‎
Schatten (Eurydike sagt)“ ist der Titel des rund sechzigseitigen Monologs, eines kalauernden, abschweifenden, theoretisierenden, hyperventilierenden Textungetüms, das auf der Bühne erst einmal genau so ein Fremdkörper ist wie zwischen zwei Ab und zu schaltet sich der Puppenspieler Nikolaus Habjan, der mit einer Jelinek-Puppe vorne an der Bühnenrampe sitzt, in die Nummern ein, und darf übers Schreiben lamentieren: „Mein Werk ist eintönig“ , sagt er als Frau Jelinek, und auch wenn das nicht den

In der Schattenwelt einen draufmachen

tt.com – Wo’s Click macht – ‎18.01.2013‎
Einziges Problem: Das Feuerwerk, das Hartmann da auf der Bühne zündete, hat wenig mit dem zu tun, was „Schatten (Eurydike sagt)“ zugrunde liegt. Vielmehr werden die genüsslichen Spitzen wie tieftraurigen Abgründe Ihr Tanz um den „Softeisballaden“ schmetternden Orpheus wird kommentiert von einer vom brillanten Puppenspieler Nikolaus Habjan geführten und gesprochenen ElfriedeJelinek-Puppe, die manches „jetzt selbst nicht versteht“. Was angesichts dieses „Jelinek für Eilige“-Abends nicht weiter

Das Theater zum Text

Neues Volksblatt – ‎18.01.2013‎
„Textfläche“ wird genannt, was Elfriede Jelinek schreibt, gnadenlos aneinandergereihte Sätze, die es dem Leser nicht leicht machen. Die definitiv nicht aus dem Reich der Schatten zurückgeholt werden will . Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz, Yohanna Schwertfeger), dazu Lucas Gregorowicz als Orpheus-Popstar-Parodie und Puppenspieler Nikolaus Habjan, der einen Pappmaché-Kopf von Jelinek mitspielen lässt, liefern Virtuosenstücke.

Und nur noch Hader im Hades

Kleine Zeitung – ‎18.01.2013‎
Orpheus in „eierenger Hose“ und Eurydike in siebenköpfiger Gestalt: Burgtheaterchef Matthias Hausmann inszenierte „Schatten (Eurydike sagt)“ von Elfriede Jelinek. Alles Schütz mit Seilen gerahmten Kuben lässt der Burgherr als Regisseur eine schrille, viele Lacher gestattende Revue über die Bühne gehen, die auch eine permanente Pointe setzt: Da hockt nämlich an der Rampe die Frau Jelinek, raffiniert belebt von Puppenspieler Nikolaus Habjan (siehe Spalte links), und kommentiert ihr eigenes Manuskript.

„Eierenge Sängerhose“

ORF.at – ‎18.01.2013‎
So liest jedenfalls Elfriede Jelinek den Mythos von Orpheus und Euridike in „Schatten (Eurydike sagt)“ und will vor allem eines: entzaubern, um die Rollenklischees im großen (Kitsch-)Stoff freizulegen. Amely Joana Haag, kürzt, präpariert im Bühnendekor von Johannes Schütze ein 90-Minuten-Pop-Album aus der Jelinek’schen Textkoloratur und lässt Orpheus allein gegen die siebenfache Eurydike und die Autorin selbst (auf die Bühne gebracht vom Star der Wiener Figurentheater, Nikolaus Habjan, antreten.

Orpheus als Robbie Williams der Antike

Kurier – ‎18.01.2013‎
Star des Abends: Die Jelinek-Puppe von Nikolaus Habjan. Kritik. Orpheus als Robbie Williams der Antike Elfriede Jelinek dreht in ihrem Text „Schatten (Eurydike sagt)“ auch etwas um, und zwar die Geschichte. Bei ihr ist Eurydike am Wort. Und ihre Version

Mit Boutiquen-Taschen in die Unterwelt

derStandard.at – ‎18.01.2013‎
Wien – Es ist kein Leichtes, einen Weg in Elfriede Jelineks Unterwelt zu finden. In Schatten (Eurydike sagt) spricht die Nobelpreisträgerin von einem Die Jelinek ist eine Puppe, vorn an der Rampe geführt und synchronisiert von Nikolaus Habjan. Zu der „Erstaufführung der Theaterfassung“ von Schatten, einem Auftragswerk der Essener Philharmonie, hat Regisseur Matthias Hartmann die Autorin selbst hinzugebeten. Hartmann ist Jelinek-Anfänger. Da zeugt es nur von Höflichkeit, die Dame einzuladen. Sie sagt

Schatten (Eurydike sagt)” von Elfriede Jelinek:

Erstaufführung im Akademietheater

Vienna Online – ‎18.01.2013‎
Wenig Licht, viel Schatten: Im Wiener Akademietheater wird “Schatten (Eurydike sagt)” erstaufgeführt. Jänner den Text “Schatten (Eurydike sagt)” von Elfriede Jelinek im Wiener Akademietheater präsentiert. gelesenen Variation des alten griechischen Mythos das Damen-Ensemble: Lucas Gregorowicz als archetypischer Sänger, der mehr als bloß Orpheus ist, und der Puppenspieler Nikolaus Habjan, dessen Jelinek-Puppe das Treiben vom Bühnenrand aus verfolgt und gelegentlich auch selbst das Wort ergreift.

Geliebtes Schattendasein bei Jelinek-Uraufführung in Wien

mittelhessen.de – ‎18.01.2013‎
Geliebtes Schattendasein bei Jelinek-Uraufführung in Wien. Wien (dpa) – Ein verbales Trommelfeuer und viel Geschrei im Wiener Akademietheater: Bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks «Schatten (Eurydike sagt)» wird die mythologische Saga von Orpheus und Eurydike umgekehrt. Dabei waren starke Nerven beim Gebaut und gespielt wurde die Puppe mit den blauen Augen, langen Haaren und der Brille von Nikolaus Habjan. Der kurze Theaterabend endete nach etwa eineinhalb Stunden mit freundlichem

JelineksSchatten (Eurydike sagt)“ in der Virtuosenfalle

derStandard.at – ‎17.01.2013‎
Wien – Die Bühne, die Johannes Schütz in das Wiener Akademietheater hineingebaut hat, böte zauberhafte Voraussetzungen, Elfriede Jelineks Schatten (Eurydike sagt) auch wirklich zum Sprechen zu bringen. Erstaufführungsregisseur Matthias Hartmann gebietet über sieben Eurydikes. Jede von ihnen Worte werden viele gemacht: Die Dichterin leiht einem Puppen-Double ihr resigniertes Seherinnenwort (Nikolaus Habjan). Orpheus (Lucas Gregorowicz), der Dichter als Täter, produziert sich auf einer riesigen

Uraufführung von Jelineks «Schatten » in Wien

Europe Online Magazin (Pressemitteilung) – ‎15.01.2013‎
ein neues Stück von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek auf dem Programm. Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann präsentiert dem Publikum die Uraufführung von «Schatten (Eurydike sagt)». Jelinek «verleiht nicht dem längst geschaffenen

Kleine Zeitung 18.01.2013

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Kronenzeitung Wien 19.12.2012

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Die PRESSE Kultur Spezial 07.12.2012

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Nürnberger Nachrichten 12.11.2012

Kleine Zeitung vom 11.11.2012

OÖ Nachrichten vom 27.10.2012 Seite 22

Kinderseite – KURIER vom 26.09.2012

Kleine Zeitung Graz, 08.09.2012

Pressespiegel – Burgtheater

Falter 26/12 SPECIAL #54

. . . Noch weniger Aufmerksamkeit wird den SchauspielerInnen bei Produktionen des 24-jährigen Nikolaus Habjan zuteil. In seinen Stücken spielen lebensgroße Klappmaulpuppen die Hauptrolle. „Puppentheater hat mich schon als Kleinkind unglaublich fasziniert. Das ist eine ganz eigene Art des Verzaubertwerdens“, sagt Habjan. „Die Grenzen der Darstellung sind viel weiter gezogen als die des Schauspiels.“ So stirbt beispielsweise eine Puppe auf der Bühne viel authentischer, als es SchauspielerInnen darstellen könnten.
Im Wiener Schuberttheater, einem ehemaligen Pornokino an der Währinger Straße, hat Habjan eine Bühne für seinen Kindheitstraum gefunden. Mittlerweile erregen seine Stücke große Aufmerksamkeit. Zuletzt durch die Aufarbeitung der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel, der während des Zweiten Weltkriegs als Kind vom damaligen Anstaltsarzt Heinrich Gross misshandelt wurde.
Habjan hat sich monatelang mit Zawrels tragischer Lebensgeschichte beschäftigt: Denn Zawrel, der nach dem Krieg nie richtig auf die Beine kam, während Gross weiter praktizieren konnte, traf 1975 noch einmal auf seinen Peiniger. Der brachte mit einem negativen ärztlichen Gutachten Zawrel in den Häfen nach Stein. In einem Berufungsverfahren durfte Gross zwar „Kindermörder“ genannt werden, seine Taten waren aber verjährt und politische Seilschaften schützten ihn vor weiteren Verfahren.
Die kleinen Theater sind künstlerische Biotope. Neben Schwanda und Habjan gibt es viele erfolgreiche Projekte von freien Künstlerinnen und Gruppen. Ein Problem haben sie alle: Die schwierige finanzielle Lage. Zwar werden in der Theaterstadt Wien Projekte abseits von Burgtheater und Josefstadt gefördert, rentabel ist es für die Künstlerinnen trotzdem selten. „Verdient habe ich an dem Projekt noch keinen Cent. Dennoch bin ich froh, dass ich aus wirtschaftlicher Sicht unvernünftig gehandelt habe, sonst hätte ich es gar nicht gemacht“, sagt Schwanda.
Ähnliche Erfahrungen hat auch Habjan gemacht, der das Schubert Theater mittlerweile als Co-Direktor leitet: „Leicht ist es nicht, in Wien mit einem kleinen Theater zu bestehen. Immerhin müssen wir von unserer Kunst die Miete, den Strom
und was wir zum Leben brauchen, bezahlen.“ Beide sehen aber auch die positiven Aspekte der freien Szene: „Da wir kein Geld haben, kann uns auch keiner sagen, was wir damit machen sollen“, sagt Habjan. „Die kleinen Theater sind die Biotope, aus denen alles wächst. Ohne sie würde die Theaterlandschaft in Wien ganz anders aussehen“, sagt Erich Sperger, künstlerischer Leiter des Palais Kabelwerk. . .
 
 

ZÜRICHSEE-ZEITUNG

06. Juni 2012

ZÜRICHSEE-ZEITUNG

04. Juni 2012

ZÜRICHSEEZEITUNG vom 04.06.2012

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Trotz alledem: keine Verbitterung

Friedrich Zawrel, Spiegelgrund-Überlebender, als Theaterfigur

 Vor einem halben Jahr kam es zu einem folgenreichen Aufeinandertreffen in einem Meidlinger Pflegeheim. Der 24-jährige Nikolaus Habjan machte dem 83-jährigen Friedrich Zawrel einen Vorschlag, der Letzterem zunächst nicht ganz geheuer war: «Was? Ein Puppentheater über mein Leben?»
Barbara Huemer 06.04.2012

Wir wissen, worum es geht: um das Leben von Friedrich Zawrel, um dessen misshandeltes Leben, ein Leben, das in die tödlichen Mühlen der nationalsozialistischen Psychiatrie geraten war und das sich auf Grund medizinischer Gutachten aus dieser Zeit nicht mehr davon befreien konnte. Auch nicht Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges. Der Befund «erbbiologisch und sozial minderwertig» bestimmte auch nach seiner geglückten Flucht vor der Tötung aus der Anstalt am Steinhof – «Am Spiegelgrund» hieß sie damals – sein Leben bis 1981. Dieses Gutachten war u. a. direkte Folge für Zawrels Aufenthalte in geschlossenen Anstalten, 13 Jahre lang. Und diesem Leben gegenüber steht das andere Leben, das Leben eines überzeugten Nationalsozialisten mit einer glanzvollen Karriere als Psychiater am Steinhof, als viel beschäftigter Gerichtsgutachter, renommierter Hirnforscher, dem 1975 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen wurde und dem es gelang – mit Hilfe eines gut funktionierenden Netzwerkes in politischen und wissenschaftlichen Kreisen – nie für seine mörderische Vergangenheit verurteilt zu werden: Heinrich Gross.
Er starb 2005, war nicht zur Rechenschaft zu ziehen wegen angeblicher Demenz. Heinrich Gross und Friedrich Zawrel begegneten einander schicksalhaft mehrmals in ihrem Leben. Es geht also um zwei Leben, deren Verlauf nicht widersprüchlicher, nicht unterschiedlicher sein könnte.
An die Darstellung dieser beiden Biografien auf den Brettern eines kleinen Hinterhoftheaters wagt sich ein junges, engagiertes Team. Nein, es geht um viel mehr als um ein Wagnis. Ein moralisches Anliegen treibt die Gruppe an und motiviert sie, die Begegnungen zwischen diesen beiden Menschen in ihrer schrecklichen Verstricktheit uns noch einmal vor Augen zu führen.
Nikolaus Habjan, der Leiter dieses Projekts, ist heute 24 Jahre jung. Er hörte, als er dreizehn war, zum ersten Mal in der Schule von den Prozessen, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren um Heinrich Gross stattfanden, wegen dessen Tätigkeit während des Krieges in der psychiatrischen Anstalt für Kinder «Am Spiegelgrund». Ab da ließ ihn das Thema, wie weit die Medizin in ihren wissenschaftlichen Forschungen gehen darf, nicht mehr los.
Nikolaus Habjan ist Puppenspieler, lernte in einem Workshop 2003 bei einem australischen Lehrer das künstlerische Handwerk, Puppen zu «bauen». Er schreibt Texte für sein Figurentheater auf kleinstem Raum. Jetzt steht die 7. Produktion bevor. Im «Schubert Theater» auf der Währinger Straße 46. Es ist tatsächlich ein Hinterhoftheater, ehemals Kino, in den 70er Jahren eines der meist besuchten Pornokinos von Wien. Hier trat auch Cissy Kraner als junge Soubrette auf.

Nur zwei Puppen tragen die Handlung: Zawrel und Gross

Im September vorigen Jahres war es dann so weit: Nikolaus Habjan suchte den Kontakt zu Friedrich Zawrel. Dieser wohnt seit längerer Zeit in einem Pflegeheim in Wien Meidling. «Ein Puppentheater über mein Leben?» Große Skepsis vorerst von dessen Seite. Nach vorsichtiger Annäherung zwischen dem 83j-ährigen Friedrich Zawrel und dem 24-jährigen Nikolaus Habjan fiel dann bald der entscheidende Satz: «Niki, ich geb mein Leben in deine Händ’.»
Und ab da trafen die beiden einander über ein halbes Jahr einmal in der Woche. Im Pflegeheim, in Kaffeehäusern. «Es wurde eine Katharsis für mich. An diesen Begegnungen bin ich gewachsen», meint Nikolaus Habjan. Die Interviews montiert der Puppenspieler zu einem Text, den er gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Regisseur Simon Meusburger, auf die Bretter des kleinen Theaters mit bloß 72 Plätzen bringt. Nur zwei Puppen tragen die Handlung: Friedrich Zawrel und Heinrich Gross. Nikolaus Habjan spielt sie beide. Er lässt – in Zeitsprüngen – verschiedene Episoden aus Zawrels Leben vor uns Revue passieren. Meist ist Nikolaus Habjan mit seinen Puppen auf der Bühne deutlich zu sehen. Bei einigen Szenen verhüllt er sich. «Sie sind mir zu brutal, zu entsetzlich, gehen mir zu nahe. Da muss ich mich – auch äußerlich – davon distanzieren.»
Und wie ließe sich der heutige Friedrich Zawrel beschreiben? Die Antwort kommt spontan, ohne Zögern. «Er ist offen und freundlich, eigentlich rührend, auf jeden Fall sehr sympathisch, nicht verbittert, nicht rachsüchtig. Er ist kein gebrochener Mensch. Er ist einfach großartig.»
Oft wurde Friedrich Zawrel zu Vorträgen in Schulen eingeladen. Als einer der allerletzten Zeitzeugen für die Verbrechen der Tötung «unwerten Lebens» während der NS-Zeit. «Da hält er sich ganz streng an sein vorgefertigtes Konzept», sagt Habjan. Jetzt kommen die Schüler_innen zu ihm ins Pflegeheim. «Ich mag die jungen Menschen», sagt Zawrel.
Und wird er zur Premiere ins «Schubert Theater» kommen? Zwei Tage danach hat er einen Termin im Parlament. «Ja, das schaut guat aus. Da muss ich halt gsund bleibn.»
Was erhofft sich das kleine engagierte Team für seine beeindruckende Arbeit?
«Dass viele, viele Leute kommen! Und dass sich nach der Aufführung einige über diesen tragischen Fall genauer informieren und ihre Zweifel und ihr Nachdenken nicht aufgeben.»

INFO
Das Figurentheaterstück «F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig» ist noch viermal im April zu sehen: 14., 20., 21., 22., 23. 4. 2012.
http://schuberttheater.at

Vorarlberg ONLINE  21.02.2012

Der wahre Star des Abends war dabei keiner der fünf eingebundenen Burgschauspieler – sondern eine Puppe. “The worst was this, my love was mydecay”: Wenn die von Nikolaus Habjan grandios geführte Puppe als Dichter Shakespeare theatralisch in der Stimme von Nicholas Ofczarek das soeben von Riedel vorgetragene Sonett Nr. 80 rezitiert, klingt es beinahe falsch. So natürlich und sinnlich mutete zuvor die musikalische Vertonung an, als sei sie von Shakespeare einst ebenso intendiert gewesen. Meist melancholisch und romantisch,mal pop-lastig beschwingt und dann mit französischem oder südländischem Einschlag gestaltet Riedel am Flügel seine melodiöse Liebeslyrik, mit der er schonMatthias Hartmanns Inszenierung von “Was ihr wollt” Ende 2010 atmosphärisch begleitete.
Zurecht widmete Burg-Direktor Hartmann gemeinsam mit Michael Schachermaier dem Konzept nach einem gelungenen Auftritt beim Saisonauftaktkonzert vergangenes Jahr nun einen eigenen Abend. Erneut ihre besondere Note beisteuernd und mit Riedel am Flügel einen Halbkreis bildend: die SüdtirolerMusikbanda Franui in verkleinerter Besetzung samt Streichern, Bläsern, Harfe und volksmusikalischen Instrumenten. Neu dabei und wechselnd aus dem schweren,roten Vorhang hinter den Musikern hervortretend: Ensemblemitglieder des Hauses,die die Musiker mal gesanglich, mal szenisch unterstützten.
Nicht immer fehlerfrei, dafür passend besetzt gestalteten sich die Einsätze: DörteLyssewski überzeugte mit der kräftigsten Stimme, Nicholas Ofczarek mit einem Ausflug in den Wiener Dialekt, Johannes Krisch als Sänger mit diabolischem Charme und Sunnyi Melles erst als Königin Elisabeth I., dann als den 20er Jahren entsprungene Balladen-Diva. Der komödiantische Höhepunkt wurde Tilo Nest zuteil, der stimmlich die Puppe bei deren Nachstellung von vier großen Shakespeare-Toden unterstützte – vom hastig erstochenen, nach Luft ringendenJulius Cäsar bis zur verzweifelt säuselnden, schmachtenden Julia.

Orf.at 17.9.2010

FAZ 9.10.2010

Falter (Jänner 2010)

Grazer Woche 27.1.2010Wiener Zeitung, 2.1.2010Großes Maul und feine WitzeVon Evelyn Polt-HeinzlNikolaus Habjan hat mit seinen satirischen Stücken rund um „Herrn Berni“ im Wiener Schubert Theater ein neues Puppentheater für Erwachsene geschaffen….Doch das, was das kleine Theater absolut unverwechselbar macht, sind Nikolaus Habjans Klappmaulpuppen, die 2009 in „Schlag sie tot“ ihr Theaterdebüt hatten – und gerade in „Herr Berni macht Urlaub. Schlag sie tot 0.2“ ihre Fortsetzung finden. Habjan, gebürtiger Grazer und seit 2006 Student der Musiktheaterregie an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien, hat schon zahlreiche Regieassistenzen absolviert, vor allem aber beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit dem Puppenspiel. Er baut seine Puppen auch selbst. Ein Strumpf mit Puppenwatte, ein modellierter Pappbecher und jede Menge Latex – schon ist er fertig, der Herr Berni, der seinen Namen Fritz Muliars Hund verdankt. Er ist der Prototyp des grantelnden alten Wieners mit Neigung zur Xenophobie. … Das Unerhörte an all diesen Szenen ist jedoch der Puppenspieler Nikolaus Habjan selbst. Wie er das Spiel seiner Klappmaulpuppen handhabt, ihnen die wechselnden Stimmen leiht und dazwischen auch noch puppenspielend eingestreute Kreisler-Lieder singt bzw. seine Puppen singen lässt, ist von unglaublicher Anmut und Perfektion. Die größte Kunst dabei ist wohl – abgesehen vom permanenten Wechsel der Stimmlagen und Ausdrucksweisen, schließlich muss er auch jede Menge Dialoge darstellen – die Art und Weise, wie sich der Puppenspieler sichtbar unsichtbar macht. Er schnappt sich eine der Puppen und verleiht ihr, zwangsweise neben ihr bleibend, Leben, Mimik und oft auch noch seine Beine. Da sitzt Herr Berni, eine Halbkörperpuppe, schaut seinen, also Habjans, Beinbewegungen nach, bewegt seinen Kopf, seinen Oberkörper, spricht mit seinem herrlichen Klappmaul ins Publikum und schon ist der sichtbare Puppenspieler unsichtbar, ist nur in der Figur, obwohl er doch daneben sitzt und die Inszenierung auf lichttechnische Unterstützung der Illusion verzichtet. Dass Habjan dann und wann nicht umhin kann, einen ganz kurzen Moment die Mimik seiner Puppe zu teilen, macht das Ganze nicht nur besonders liebenswert, sondern demonstriert zugleich den Kraftakt des Puppenspielers, der seine Stimme lachen oder schreien macht und selbst keine Miene verzieht. … Nikolaus Habjans Theater ist lustvoll, verspielt und kritisch zugleich, es greift aktuelle Themen auf und lässt den Holzhammer im Requisitenkammerl. Dieses Puppentheater lebt von einer feinen Mischung aus Andeutungen, grotesken Kippeffekten, Running Gags und virtuos gehandhabten Klappmaulpuppen mit hinreißenden Blick-Effekten. Der junge Puppenspieler hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Seine Mitarbeit an der Kabinetttheater-Produktion „King of Birds & Queen of the Blood“ im Juli 2009 war wohl nur ein kleiner Sidestep, denn Nikolaus Habjan wird seinen eigenen Weg weitergehen – und davon ist noch viel zu erwarten. Quelle: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3946&Alias=wzo&cob=459780

Kronen Zeitung 30.1.09